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Die Blauen Sänger im "Studentenkurier" Drucken E-Mail

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Die Blauen Sänger im "Studentenkurier" (Ausg. 2/2006, S. 20):

Köstlich - komisch - kurios:
Der Bullerjahn

Eine studentische Tradition, gekonnt aus der Versenkung geholt 

Wer oder was ist „der Bullerjahn"? Aufmerksame SK-Leser wissen es, denn schon mehrfach wurde darüber berichtet.

Bullerjahn ist zuerst einmal ein Name, nämlich der des einstigen Göttinger Stadtmusikdirektors Rudolf Bullerjahn, geboren mit dem Familiennamen Bullrian am 13. November 1856 in Berlin, eines begabten und beliebten Musikers und Komponisten, dem der durchschlagende Erfolg aber lebenslang verwehrt blieb. 1886 erhielt er die Position in Göttingen, vor allem in Hinblick auf die musikalische Gestaltung des bevorstehenden 150. Gründungsjubiläums der Universität. Zu seinen Aufgaben gehörte die Zusammenstellung einer leistungsfähigen Kapelle. Das gelang ihm, und er geriet damit in einen Konkurrenzkampf zur Militärmusik, die unter Leitung des Kapellmeisters Meyer stand. Vor allem im Bereich der Unterhaltungsmusik buhlte man um die Gunst des Publikums und damit auch um Engagements, und dazu gehörten damals auch die Bälle und Stiftungsfeste der Korporationen. Aus diesem Konkurrenzkampf entstand, was unter dem Namen „Bullerjahn" zur studentischen Tradition wurde. Bullerjahn selbst lud nämlich seine Anhänger zu einem Konzert in den „Deutschen Garten" und komponierte dafür zwei Gassenhauer. Der Text ist unbekannter Herkunft und von bezwingender Schlichtheit:

I. „Herr Direktor Bullerjahn, Bullerjahn ist da! Ist das nicht der wunderschöne Meyer, ja das ist der schöne Meyer.

II. „Willst du mit zum Deutschen Garten? Zick zack Bärenschinken. Ich kann kaum die Zeit erwarten, zick zack Bärenschinken. "

Das war's. Und so einfach kann's geh'n: die Strophen schlugen ein! In Göttingen entstand ein richtiger Wettstreit zwischen en Fraktionen. So konnte es passieren, daß während Meyers Konzerten im „Deutschen Garten" aus dem nahen Korporationshaus der Brunsviga unübertönbar der „Bullerjahn" erklang. Dessen Konzerte wurden zur ständigen Einrichtung, wanderten nach einiger Zeit in den Rathauskeller, und dort wurden die Strophen noch gesungen, als den beiden Kapellmeistern längst keine Knochen mehr wehtaten.

Die horrend schlechte Bezahlung und der Umstand, daß Bullerjahn seine Musiker selbst entlohnen mußte, führten dazu, daß er 1890 Göttingen verließ und ab dann in Polen und Rußland wirkte. Dort legte er sich den armenisierenden Namen Bullerián zu. Ein Gastspiel in Amerika 1892 blieb erfolglos. In Moskau starb er am 7. Januar 1911, wobei (mir) unklar ist, ob die Angabe julianischem oder gregorianschem Kalender folgt - potentiell sind also 13 Tage plus/minus zu kalkulieren.

Von seinen etwa 100 Kompositionen - Märsche, Tanzmusik, Lieder, auch kleine Orchesterstücke - sind etliche in Göttingen entstanden, darunter ein Marsch für das Corps Saxonia. Der „Bullerjahn" wurde traditionsgemäß meist am Freitag um Mitternacht im Ratskeller gesungen und im Laufe der Zeit um einige Texte erweitert. Ende der 60er Jahre ging die Tradition in der immer aggressiver werdenden Korporationsfeindlichkeit unter.

Bis man sich im April 2002 ihrer wieder erinnerte. Denn „der" Bullerjahn ist mehr als nur ein banales Lied, er war eine Konzertform mit Publikumsbeteiligung. Die Gruppe „Irmtraud und die Sieben Zwerge", die wiederum aus der "Studentischen Musikvereinigung Blaue Sänger in Göttingen im SV" (Sondershäuser Verband) hervorgegangen ist, und ein Bläserquintett des Göttinger Symphonieorchesters gestalteten im Ratskeller so ein Bullerjahn-Konzert, ein buntes Programm von Walzern, Polkas und Studentenliedern, das vom Bullerjahn-Lied umrahmt wurde. Seither wiederholte man das im Zweijahresrhythmus, wobei vom Konzert des Jahres 2004 auch ein CDMitschnitt hergestellt wurde. Darauf ist also das Bullerjahn-Lied - leider nur mit seiner ersten Strophe - zu hören, desgleichen sein Universitäts-Festmarsch von 1887, ein rührend-schlichtes Stück, das eher nach einer Bühnenmusik zu Ferdinand Raimund klingt, als nach einem Marsch der Bismarckzeit. Die musikalische Qualität der Aufführung ist höchst professionell, die CD in ihrer Gesamtheit ein Dokument studentischer Musikkultur des späten 19. Jh. Sie wird von akadpress vertrieben und ist dort zum Preis von 12,00 Euro zzgl. 1,68 Euro Versandkosten erhältlich (Anschrift wie SK-Redaktion; Link).

Raimund Lang

(aus: "Studentenkurier", Ausg. 2/2006, S. 20)


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